Rezension zu „Bartsch der Kindermörder“ mit anschließender Gesprächsrunde
„Wenn wir mit unseren Gedanken vor Gericht müssten, würden wir alle gehängt.“ Mit diesem Satz von Margaret Atwood endet das Stück und Jürgen Bartsch verlässt die Bühne zum Entsetzen seiner Zuschauer. Der Applaus, erst zögerlich, doch dann umso tobender, verdeutlicht die schauspielerische Leistung von Frerk Brockmeyer, der Jürgen Bartsch unheimlich glaubwürdig und tiefgründig in Szene setzt.
,,Bartsch der Kindermörder‘‘ erzählt die Lebensgeschichte Jürgen Bartschs. Von der Geburt bis zum Tod wird sein Leben in Form eines Monologs, welcher auf den Briefen von Bartsch selbst an Paul Moor, einem damaligen Freund, basiert, geschildert. Man mag meinen, dass solch ein fast eineinhalb stündiger Monolog langweilig und kaum auszuhalten ist, doch gerade die Stimmung macht dieses Stück so interessant. Eine leere Bühne, nur wenig Requisiten und zudem vier Scheinwerfer lenken den Fokus direkt auf Bartsch. Als Zuschauer wird man in diesem Stück, eher ungewöhnlich, außen vor gelassen. Bartsch spricht sein Publikum nicht an, er nimmt es viel mehr gar nicht wahr. Er erzählt eine Geschichte in die man als Außenstehender selbst hineinfinden muss. Meiner Meinung nach eine sehr gelungene Darstellung. Bartsch selbst wirkt in diesem Stück eher nachdenklich, doch in gewisser Weise auch gleichgültig, denn alle seine Taten beruhen, wie er erklärt, auf der Beziehung zu seinen Eltern. Er distanziert sich von seinen Taten, erzählt sie jedoch mit einem gewissen Drang zur Melancholie.
Frerk Brockmeyer empfand es als anstrengend sich während der Probezeit in Bartsch hineinzuversetzen und ihn glaubwürdig darzustellen. Doch sagt er selbst, dass das Verständnis für Bartsch und zu seinen Taten dadurch größer geworden sei.
In der sich anschließenden Gesprächsrunde als weiterer Höhepunkt dieses Abends, erfuhr man Näheres über die Taten und Beweggründe Bartschs. Hierzu äußerten sich zum ersten Mal im Stadttheater auch Experten: Der Psychologe, Psychiater und Forensiker Dr. Rainer Gliemann, der im psychologischen Dienst der JVA Butzbach stehende Dr. Götz Eisenberg und der Psychoanalytiker Dr. Gottlieb Burger, welcher seit über zehn Jahren eine Gruppe von Sexualstraftätern betreut. Solch eine Gelegenheit wurde vom Publikum gerne wahrgenommen und man spürte das Interesse. Für mich gut nachvollziehbar, denn nach diesem tiefgründigen Stück bleibt einem vieles unverständlich, obwohl man emotional sehr berührt wurde.
„Bartsch der Kindermörder“ regt seine Zuschauer also zum Nachdenken an und reißt sie mal auf eine ganz andere Art und Weise mit. Ich würde dieses Stück jedem empfehlen, der Theater ohne viel „Tamtam“ interessant findet und auch gerne einmal in sich geht. Zudem ist vor allem die schauspielerische Leistung zu bewundern und allein deswegen ist dieses Stück nur weiter zu empfehlen.
Michelle Platt
Kommende Vorführung:
25. Oktober und 13. November 2009 jeweils um 20.00 Uhr im Til
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