Donnerstag, 12. November 2009

Woyzeck mal ganz anders Das Gießener Stadttheater zeigt Woyzeck, mit neuer Besetzung, einsam und verlassen zwischen Selbstfindung und Demütigung.

Zu Beginn des Stückes sieht man auf der Bühne zunächst nur einen Berg voller Müll und Schutt. Lediglich ein paar Bierkästen sowie ein Kinderwagen schmücken die trostlose Leere und spiegeln die Gesellschaft wieder, in der sich Woyzeck befindet. Nach und nach kommen immer mehr Personen auf die Bühne und lassen den Zuschauer in das Geschehen eintauchen, welches zu Anfang noch sehr verwirrend ist, besonders für Diejenigen im Publikum, die das Stück vorher nicht gelesen haben. Auch das laute Geschrei Woyzecks und sein ständiges Umherirren lenkten manchmal zu sehr von der eigentlichen Handlung ab und erschwerten dem Zuschauer, sich emotional tiefer auf Woyzeck einzulassen.

Doch im Verlauf des Stückes wurde Woyzeck ruhiger und vor Allem in Marie, mit der Woyzeck in wilder Ehe lebt, konnte man sich dank guter Schauspielkunst hineinversetzen. So kam es auch, dass bei einem der Höhepunkte dieses Stückes, dem Sex-Akt von Marie und Tambourmajor dem ein oder Anderen der Atem stockte. Doch auch bei dem Übergriff auf Woyzeck musste manch einer zweimal Schlucken, denn die provokante Darstellung der Künstler zeugte von Brutalität und keinerlei Schamgefühl.

Jedoch möchte ich vor Allem den Schluss besonders hervorheben. Hier wurde dem Zuschauer eine Zeit der Ruhe gegönnt und mit Licht und Schatten das Ende einer traurigen Geschichte mit vielen Emotionen greifbar gemacht. Das Publikum wurde nochmals von existentiellen Fragen konfrontiert und verließ das Theater mit gemischten Gefühlen.

Michelle Platt
Man erkennt den Bernhardt Stil - Und weiß ihn dann zu schätzen
„Am Rande des Tages“ steht bekanntlich der Abend und so begann das gleichnamige Stück zur Premiere an diesem Abend mit dem Aufbau des Stückes und Schauspielern, die nicht auf ihren Plätzen standen. Das es sich bei diesem Stück um das Thema Schönheit drehte, war für diejenigen, die den Flyer nicht gelesen hatten, schwer zu erkennen, denn lediglich ein Putzeimer stand nach dem Aufbau auf der Bühne. Doch klärte sich schon nach kurzer Zeit, was Schönheit für die einzelnen Personen im Stück bedeutet und auch das Publikum wurde mit der Frage: „ Welche Schönheit wollen Sie?“ ins Geschehen miteinbezogen. Die Handlung selbst bestand aus vielen kleinen Szenen, die aber auch insgesamt eine zusammenhängende Geschichte zuließen. Mit versteckten Zweideutigkeiten und Interpretationsmöglichkeiten wurde der Zuschauer nicht nur zum Denken angeregt, sondern auch in die Irre geführt und so wussten die Meisten zunächst nicht, dass der Auf- und auch der Abbau zum Stück dazu gehörten.
Beeindruckend bei dieser Aufführung war aber, dass die AG- Teilnehmer schon im Vorfeld unheimlich viel selbst gemacht haben und nicht wie bei den letzten Stücken, noch unter Anleitung von Herrn Bernhardt, Vieles einfach über sich ergehen ließen. Dem Stück hat dies aber keinen Abbruch getan, im Gegenteil, war das Publikum nur noch faszinierter, wie viel eine solche Gruppe leisten kann. Dass der Bernhardt Charakter auch bei diesem Stück ein wenig zum Vorschein kam, lässt sich wohl nicht vermeiden, doch wer ihn erkennt, der weiß ihn auch zu schätzen.
Trotzdem wurde, auf Seiten des Publikums, auch ein wenig Kritik geübt. Vielen wurde vor allem an den Requisiten zu sehr gespart und auch Kostüme und ein Bühnenbild hätten nicht geschadet. Doch alles in allem war das Stück mehr als nur gelungen und endete somit in riesigem Beifall und auch Herr Hahn war, als Vertreter der Schulleitung an diesem Abend, äußerst angetan.
Michelle Platt

Schlummernde Talente

Großes Lob galt diesmal nicht nur der „DS-AG“, die schon seit mehreren Jahren ihre Stücke präsentiert, sondern auch dem ersten Kurs des Wahlpflichtunterrichts „Darstellendes Spiel“.

Aller Anfang ist schwer und schauspielern muss gelernt sein. Deswegen verknüpften die jungen Talente ihr Stück „Verliebt, Verlobt…?“ mit Szenen aus dem richtigen Leben und hielten die Zuschauern mit viel Humor, der Liebe und mehreren Intrigen in Atem, bis sich am Ende alles aufklärte, oder doch nicht? Das musste jeder Einzelne selbst entscheiden, womit die Spannung bis zum Schluss erhalten blieb. Trotz einiger Versprecher und Nervosität gefiel vor allem die Vielseitigkeit des Stückes. Denn in „Verliebt Verlobt…?“ wurde getanzt, gelästert und das ein oder andere Mal blieb auch die Zeit stehen. Das Publikum war angetan und der Beifall groß, auch wenn der Saal nicht ganz gefüllt war. „Besonders gut gefiel mir, dass die Jugendlichen ihr Stück zum größten Teil selbst geschrieben und choreografiert haben und man erkennt, wie viel Arbeit dahinter steckt, “ erklärte eine Mutter. Dem kann ich mich nur anschließen und bin gespannt, welche Themen uns die nächsten Theaterstücke der Wu - Kurse darbieten.

Michelle Platt

Rezension zu: „Viel Lärm um nichts“ „Viel Lärm um nichts“ ist ein weltbekanntes Stück von William Shakespeare, in dem es um die zwischenmenschlichen Beziehungen geht, welche von Liebe bis Hass ein hauchfeines Netz weben. Ein Krieg ist zu Ende. Don Pedro und seine Begleiter Benedikt und Claudio kehren bei Leonato zu Gast ein. Ebenso wie Don Pedros Halbbruder Don Juan, welcher für seine Verbitterung bekannt ist. Zunächst scheint alles friedlich, doch die Geschichte spitzt sich zu, als Claudio sich in Leonatos Tochter Hero verliebt, Don Pedro in dessen Namen um Hero wirbt und diese sich in Claudio verliebt. Trotz eines Versuchs Don Juans, das junge Glück zu zerstören, wird eine baldige Hochzeit bestimmt. Zur gleichen Zeit wird ein Komplott geschlossen, welcher den überzeugten Junggesellen Benedikt, ein selbsterklärter Feind der Ehe, mit der schönen Beatrice, Leonatos Nichte, eine scharfe Kritikerin der Männer, verbinden soll. Nach vielen schlagfertigen Wortgefechten zwischen den Beiden, verlieben sie sich in den jeweils anderen, geben dies aber nicht zu. Die Komödie könnte ein schönes, friedliches Ende nehmen, wäre da nicht Don Juan, dem jegliches Glück Anderer ein Dorn im Auge ist. Er hetzt die Liebenden gegeneinander auf und was dies zur Folge hat…seht selbst! Die Inszenierung von "Viel Lärm um nichts" ist dem Wettenberger-Sammelsurium, mit viel Witz, mehr als nur gelungen. Vor allem die Amtsmänner Holzapfel und Schlehwein bringen frischen Wind in das Geschehen und konnten sogar den letzten Miesepeter zum Lachen bringen. Ich persönlich konnte mich, dank der gelungenen Darstellung, sehr gut in die Charaktere hineinversetzen und habe die ganze Gefühlspalette von lachen bis hin zum Weinen durchlebt. Des Weiteren gefiel mir die großartige Kulisse der Burg Gleiberg, auf der das Stück aufgeführt und mit der es lebendig wurde. Wer also eine Komödie mit viel Witz einer tollen Geschichte und kleinen Gedankenanstößen sucht, ist bei dieser Inszenierung genau richtig und darf sich schon jetzt auf eine atemberaubende Kulisse freuen.
Michelle Platt und Jasmin Abresch
Theaterwochen: Gedächtnistraining Bevor das Stück, „Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ anfing, veranstaltete das Stadttheater einen Gedächtnisworkshop, bei dem man versuchte, dem Gehirn etwas auf die Sprünge zu kommen. Da dies ein sehr großes Thema ist, beschränkte man sich hier aber auf spezifische Fragen, wie z.B.: Was ist Demenz? Warum kann unser Gehirn falsche Erinnerungen hervorrufen? Oder, warum verwechselt der Mann seine Frau mit einem Hut? Das Spannende dabei war, dass man erkennen musste, wie wenig wir eigentlich über unser Gehirn wissen und umso interessanter was es dem Dozenten zuzuhören und Fragen zu stellen. Auf fast jede Frage wurde eine Antwort gefunden, doch oft kamen dann nur noch mehr Fragen auf. So ging der Workshop, der leider nur auf eine Stunde begrenzt war, viel zu schnell vorbei. Am Ende konnte man sich zwar gut vorstellen, was einem in dem Stück erwartet, doch über unser Gehirn waren wir Workshopteilnehmer doch noch nicht so ganz aufgeklärt. Insgesamt war der Workshop als Einführung oder Hintergrundwissen zu dem Stück sehr gut geeignet, jedoch muss man bemängeln, dass die Zeit viel zu knapp war um sich mit einem solch spannenden Thema, wie dem Gehirn, richtig auseinandersetzen zu können. Michelle Platt
Rezension zu „Der Mann der seine Frau mit einem Hut verwechselte“

In der Kammeroper von Michael Nyman nach dem Bestseller von Oliver Sacks geht es um einen Mann, der an „Geistesblindheit“ leidet. Dieses individuelle Schicksal wird in den Vordergrund gestellt und mit besonderer künstlerischer Leistung beleuchtet.

„ Es gibt Begriffe darüber, was Menschen nicht sind, aber nichts darüber was sie sind.“ So beginnt die Oper und versucht gerade dieses „Was“ herauszufinden. Zunächst erfährt man etwas über Dr. P. der an „Geistesblindheit“ leidet und wird sozusagen in das Geschehen eingeführt. Im weiteren Verlauf versuchen seine Frau und Dr. S. herauszufinden, was er für eine Krankheit hat und wie man sie heilen kann. Dabei werden die Symptome genauer beschrieben und auch durch visuelle Mittel versucht besser darzustellen. Dabei überzeugt besonders das Bühnenbild, welches durch viele kleine Details aber auch im Gesamten sowohl den Charakter dieses Stückes, als auch die Symptome des Dr. P. wiedergibt, der sehr verwirrt und in sich gekehrt wirkt. Doch auch das gewisse Etwas fehlte diesem Stück nicht, denn besonders die fesselnde Begleitung des Orchesters bei einigen Höhepunkten verschaffte manch Einem dann doch ein wenig Gänsehaut. Insgesamt also ein gelungenes Stück welches anders als erwartet mit dem Schicksal des Dr. Ps selbst endete: „ Er hatte kein Körperbild mehr, er hatte Körpermusik und hörte die Musik auf, so tat er das auch.“

Eine interessante Art und Weiße, solch eine Krankheit darzustellen, deswegen ist die Inszenierung dieses Stückes meiner Meinung nach auch gut gelungen. Doch war es oft schwer, besonders die Frau von Dr. P. zu verstehen und man konnte nicht immer der ganzen Handlung folgen. Doch wem dies nichts ausmacht und wer vor allem die Musik in normalen Theaterstücken vermisst, der ist hier genau richtig.

Michelle Platt

Rezension zu „Bartsch der Kindermörder“ mit anschließender Gesprächsrunde 

„Wenn wir mit unseren Gedanken vor Gericht müssten, würden wir alle gehängt.“ Mit diesem Satz von Margaret Atwood endet das Stück und Jürgen Bartsch verlässt die Bühne zum Entsetzen seiner Zuschauer. Der Applaus, erst zögerlich, doch dann umso tobender, verdeutlicht die schauspielerische Leistung von Frerk Brockmeyer, der Jürgen Bartsch unheimlich glaubwürdig und tiefgründig in Szene setzt.

,,Bartsch der Kindermörder‘‘ erzählt die Lebensgeschichte Jürgen Bartschs. Von der Geburt bis zum Tod wird sein Leben in Form eines Monologs, welcher auf den Briefen von Bartsch selbst an Paul Moor, einem damaligen Freund, basiert, geschildert. Man mag meinen, dass solch ein fast eineinhalb stündiger Monolog langweilig und kaum auszuhalten ist, doch gerade die Stimmung macht dieses Stück so interessant. Eine leere Bühne, nur wenig Requisiten und zudem vier Scheinwerfer lenken den Fokus direkt auf Bartsch. Als Zuschauer wird man in diesem Stück, eher ungewöhnlich, außen vor gelassen. Bartsch spricht sein Publikum nicht an, er nimmt es viel mehr gar nicht wahr. Er erzählt eine Geschichte in die man als Außenstehender selbst hineinfinden muss. Meiner Meinung nach eine sehr gelungene Darstellung. Bartsch selbst wirkt in diesem Stück eher nachdenklich, doch in gewisser Weise auch gleichgültig, denn alle seine Taten beruhen, wie er erklärt, auf der Beziehung zu seinen Eltern. Er distanziert sich von seinen Taten, erzählt sie jedoch mit einem gewissen Drang zur Melancholie.
Frerk Brockmeyer empfand es als anstrengend sich während der Probezeit in Bartsch hineinzuversetzen und ihn glaubwürdig darzustellen. Doch sagt er selbst, dass das Verständnis für Bartsch und zu seinen Taten dadurch größer geworden sei.
In der sich anschließenden Gesprächsrunde als weiterer Höhepunkt dieses Abends, erfuhr man Näheres über die Taten und Beweggründe Bartschs. Hierzu äußerten sich zum ersten Mal im Stadttheater auch Experten: Der Psychologe, Psychiater und Forensiker Dr. Rainer Gliemann, der im psychologischen Dienst der JVA Butzbach stehende Dr. Götz Eisenberg und der Psychoanalytiker Dr. Gottlieb Burger, welcher seit über zehn Jahren eine Gruppe von Sexualstraftätern betreut. Solch eine Gelegenheit wurde vom Publikum gerne wahrgenommen und man spürte das Interesse. Für mich gut nachvollziehbar, denn nach diesem tiefgründigen Stück bleibt einem vieles unverständlich, obwohl man emotional sehr berührt wurde.

„Bartsch der Kindermörder“ regt seine Zuschauer also zum Nachdenken an und reißt sie mal auf eine ganz andere Art und Weise mit. Ich würde dieses Stück jedem empfehlen, der Theater ohne viel „Tamtam“ interessant findet und auch gerne einmal in sich geht. Zudem ist vor allem die schauspielerische Leistung zu bewundern und allein deswegen ist dieses Stück nur weiter zu empfehlen.

Michelle Platt

Kommende Vorführung:

25. Oktober und 13. November 2009 jeweils um 20.00 Uhr im Til